Arabella Schwarzkopf
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CITY LIVES - Arabella Schwarzkopf

Wenn es in Bologna an einer Wohnungstür klopft, dreht sich nur selten der Schlüssel im Schloss. Zu häufig streckt ein Unbekannter für wohltätige oder eigennützige Zwecke den Klingelbeutel in den Türrahmen. Sogar ein Priestergesicht leuchtet dämonisch, sobald die automatische Gangbeleuchtung ausgegangen ist. Verständlich also, dass die Hausbewohner mittlerweile alle Freundlichkeit und jegliches Interesse an uneingeladenem Besuch verloren haben. In ihren Privatbereich wird nur Auserwählten Einlass gewährt.

Genau darum bemüht sich die junge österreichische Fotografin Arabella Schwarzkopf. In Bologna oft vergeblich, in New York, Berlin, Paris, Wien und Tokyo meist erfolgreich. Arabella fokusiert nicht die Lebensräume links, rechts, ober- und unterhalb ihrer eigenen Heimstatt, sondern richtet den Blick direkt auf deren Bewohner selbst. Und wo spiegelt sich eine Persönlichkeit klarer wider als in ihrer eigenen Höhle?

Die daraus entstandene Bilderserie City Lives ist keine politisch motivierte Sozialreportage - die Fotografin versucht erst gar nicht, sich bei der Aufnahmegestaltung zurückzunehmen. Im Gegenteil: City Lives fand einen sehr persönlichen Ursprung im Jahr 1999 nach ihrer Ausbildungszeit am Rochester Institute of Technology in New York nachdem ihre Wohnungskollegin ausgezogen war, sah sich die in Tirol aufgewachsene Fotografin mit dem Alleinsein konfrontiert. „Was mache ich hier? Wer bin ich?“. Grundsatzfragen wie diese versuchte die entwurzelte Künstlerin in der naheliegendsten Heimat zu ergründen: Ihrem Wohnhaus in Brooklyn.

Es handelte sich um ein hellhöriges Appartementhaus mit der üblichen Nachbarschaft einer US-Großstadt: Rechts vor der Haustür begann die glamouröse Yuppy-Gegend, links die Kleinversion von Puerto Rico. Dementsprechend variantenreiche Nachbarn empfingen sie, als sie mit einer voluminösen 8x10 Inch-Kamera Marke Nagaoka Seisakusho im Arm anklopfte. Bei einem Rundgang durch die jeweilige Wohnung beobachtete Arabella die Bewohner, um eine ihnen angemessene Kulisse zu finden. Für die Witwe Mary den Platz vor dem Fernseher mit dem Porträtgemälde der Tochter im Hintergrund. Die Küche für Jerry, den Restaurantbesitzer in Kochjacke und Shorts. Und Erich und sein Angorakater Grey meditieren vor einem massiven Zierfischbecken. Der Aufbau der Großbildkamera, die Belichtungsmessung und das Scharfstellen brauchen Zeit, in der die Fotografin Passagen aus dem Leben der Posierenden erzählt bekam und sich ihre Intuition für den auslösenden Moment, die endgültige Gruppen-Konstellation schärfen konnte.

Still sind die Ergebnisse ihrer Porträt-Serie. Die Fotografierten blicken gelöst in das Objektiv, hinter dem im Moment des Auslösens niemand steht. Ruhig müssen die Abgebildeten schon aufgrund der längeren Belichtungszeit halten. Arabellas Fotografien erinnern - trotz Farbe und zeitgenössischem Inhalt - an die Gruppen- und Familienbilder zu Beginn der Fotografiegeschichte. Aber der ernste Schrecken auf den Gesichtern von damals fehlt vollkommen.

Das eine oder andere Porträt ist mit ein wenig Ironie gewürzt, ob inszeniert oder situationsbezogen: Ein japanisches Ehepaar, das seine Wohnung regelrecht klinisch auf den Besuch der Fotografin vorbereitet hatte, wurde angewiesen, zwei als Sofadekoration gedachte, überdimensionale Disney-Entenbabys aus Plüsch auf den Schoß zu nehmen. In Wien weigerte sich hingegen die 93jährige Frederike, vor die Linse zu treten. Als Vertretung schickte die alten Dame ihren ständigen Begleiter vor die Kamera: Ihre Holz-Krücke.

Arabellas Porträtierte ergeben sich aus der Willkür einer Mieterliste – das Haus selbst wird jedoch sorgfältig von der Fotografin ausgewählt. Arabella will in diesem Haus für die Zeit des Projektes leben und eine enge Bezugsperson dort wissen. Ihre Objekte haben sich für die Künstlerin teils sehr persönliche Lebensfragen aufgeworfen. Junge japanische Frauen, die nach bester Ausbildung und einigen Berufsjahren geheiratet und sich traditionsgemäß ins Familienleben zurückgezogen haben, ließen Arabella am dortigen Frauenbild zweifeln. Haben sich die Mütter und Ehefrauen ihr Leben tatsächlich so ausgemalt? Die zurückweisende Kühle manch italienischer Hausbewohner zeigte der Fotografin ein anderes bis anhin unbekanntes Gesicht der italienischen Mentalität. Auf die Offenheit und Herzlichkeit in Berlin war Arabella nicht vorbereitet, umso mehr war sie wohltuend. In ihrer Pariser Herberge, in der fast ausschließlich Künstler wohnten, beschäftigte sie sich stark mit der eigenen Arbeit, respektive Kunst. Im Wiener Haus wurde ihre Selbstreflexion der österreichischen Geschichte gegenüber geschärft.

Arabellas Eigendiagnose und gleichzeitig Inspiration für City Lives steht fest: Sie ist gerne zu Hause. Wo immer ihr Daheim langfristig auch sein wird - kommendes Jahr verlegt sie es für City Lives nach Talin, Istanbul und Moskau.